VillageOffice entwickelt sich weiter

Evolution VillageOffice

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Fabienne Stoll

Lead Communication

Es geht weiter, aber anders. Rund sechs Jahre nach ihrer Gründung befindet sich die VillageOffice Genossenschaft an einem Wendepunkt. Wir gehen neue Wege und wollen VillageOffice weiterentwickeln. Dazu stellen wir uns neu auf: Wir liquidieren VillageOffice als Genossenschaft und geben unserem Purpose «Work where you live» eine neue Heimat. Ein Rück- und Ausblick.

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Was wäre, wenn Mitarbeitende in der Nähe ihres Wohnorts arbeiten könnten? Die (damals etwas gewagte) Schreibtisch-Idee von David Brühlmeier stiess bereits im Jahr 2015 auf Anklang. Zuerst bei der Coworking-Pionierin Jenny Schäpper-Uster. Und gleich darauf bei weiteren zukunftsweisenden Macherinnen und Machern. Gemeinsam mit sieben weiteren Verbündeten gründeten David Brühlmeier und Jenny Schäpper-Uster am 23. Februar 2016 die VillageOffice Genossenschaft in Bern. Mit dem Ziel, ein flächendeckendes Coworking-Netzwerk in der Schweiz aufzubauen. Der Grundstein für eine neue Arbeitswelt mit Coworking war gelegt. Die Reise von VillageOffice begann.

Schon wenige Monate später nach der Gründung erhielt VillageOffice zwei grosse Motivationsbooster: Der Innovationsfonds der Alternativen Bank und Engagement Migros (heute: Migros Pionierfonds) glaubten an unsere Idee. Mit den Zusagen dieser substanziellen finanziellen Unterstützung konnten wir nun richtig loslegen.

We walk the talk – GEMEINSAM

Für VillageOffice war von Anfang an klar: Wir wollen den Wandel vorleben, den wir in der Gesellschaft sehen möchten. Dieses Motto begleitete uns seit der Gründung als roter Faden. Von der Rechtsform als Genossenschaft, über den Nordstern der Teal-Haltung aus Reinventing Organizations und der damit verbundenen Orientierung an unserem Purpose «Work where you live» mit einer klaren Wertehaltung bis hin zur Organisationsform auf Basis von Holacracy. Das war nie der einfachere Weg, aber immer der lehrreiche und für uns stimmige.

Teamplay – DeepDive «Von 0 auf 100» Migros Pionierfonds

Fokus auf Unternehmen

Das Geschäftsmodell von VillageOffice hatte immer zum Ziel, ein Angebot für Unternehmen zu schaffen, damit deren Mitarbeitenden in einem Coworking Space in der Nähe ihres Wohnortes arbeiten können. Mit dieser Idee gelang es unserer Jenny Schäpper-Uster schnell, viele Coworking Spaces in das Netzwerk von VillageOffice einzubinden. Dadurch schufen wir die Basis für ein Angebot an Unternehmenskunden.

Das Angebot für Unternehmen war da, die Nachfrage weniger. Ortunabhängiges, dezentrales Arbeiten war im Jahr 2017 etwas für Vorreiter – innovative Start-ups und Jungunternehmen. Die wenigsten Mittel- und Grossunternehmen wollten damals ihre Mitarbeitenden ausserhalb des klassischen Büros arbeiten lassen. Schnell wurde klar, dass ein Coworking-Abo-Modell für Mitarbeitende noch nicht marktreif war. Es brauchte zuerst eine Verhaltensänderung. Deshalb entwickelten wir das Programm «Coworking Experience». Zu unserer grossen Freude fanden wir fünf Unternehmen, die an unserem Pilotprogramm mitmachten. Wir begleiteten die Mitarbeitenden während eines Jahres beim Coworken, drehten mit den fünf Unternehmen je einen Film und werteten über eine App das Mobilitätsverhalten aus.

Trotz des überwiegend positiven Feedbacks der teilnehmenden Unternehmen wollte nach der «Coworking Experience» nur ein Unternehmen das Coworking-Abo-Modell weiterführen: das Bundesamt für Informatik. Die Zeit war immer noch nicht reif. Im gleichen Zeitraum erhielten wir immer wieder Anfragen für Unterstützung beim Aufbau von Coworking Spaces. Um den Fokus auf unser Kerngeschäft mit Unternehmen zu bewahren, sagten wir diese Anfragen bis dahin immer ab.

Wirkungskette – DeepDive «Von 0 auf 100» Migros Pionierfonds

Fokus auf Gemeinden

Indizien und Forschung zeigten: Auf Seite Unternehmenskunden arbeitete die Zeit zu unseren Gunsten. Also entschieden wir, uns in der Zwischenzeit auf den Aufbau von neuen Coworking Spaces in ländlichen Gebieten zu konzentrieren. So trieben wir die Angebotsseite voran. Angespornt von einem Pilotprogramm im Kanton Thurgau erarbeiteten wir ein kollaboratives Modell für Gemeinden.

Als weiteres Geschäftsmodell hatten wir damals institutionelle Anleger identifiziert. Das grösste Projekt in diesem Segment war die Coworking Lounge Tessinerplatz, in Zusammenarbeit mit Swiss Life. Unsere Erfahrungen aus diesem Projekt konnten wir in ein Modell giessen: Das Sechs-Phasenmodell von VillageOffice für den Aufbau und Betrieb eines Coworking Spaces war geboren.

Bis zu diesem Zeitpunkt unterstützte uns nach wie vor Engagement Migros. Die Umstellung vom «Ausprobieren» auf die Erstellung und Erbringung von Marktleistungen fiel uns schwer. Es war ein langer Prozess mit Hochs und Tiefs, der auch mit Abgängen im Team verbunden war. Die zugespitzte finanzielle Lage ohne Unterstützung von Geldgebern machte auch deutlich, dass wir Altlasten und unsere Unterbilanz bereinigen mussten.

Es geht bergauf

Nach den Storming- und Norming-Zeiten kam die Performing-Phase von VillageOffice. Die Akquise in Gemeinden wurde einfacher dank unserem Sechs-Phasenmodell. Vorgehen und Kosten waren übersichtlich und mit dem Aufbau eines (fast) schweizweiten Netzes an Regionalpartnern waren immer mehr Gemeinden dazu bereit, die ersten Schritte zu finanzieren für den Aufbau eines Coworking Spaces in ihrer Gemeinde.

Parallel dazu stellten wir fest, dass das angestrebte Geschäftsfeld mit institutionellen Anlegern nur schwer mit unserer Vision vereinbar war. Unser Hauptprojekt mit Swiss Life stand mitten in der Stadt Zürich, und nicht wie von uns angestrebt auf dem Land. Wir entschieden uns, das Geschäftsfeld mit institutionellen Anlegern aufzugeben und übergaben den Betrieb der Coworking Lounge Tessinerplatz an zwei Team-Mitglieder von VillageOffice.

Gemeinsam mit der Klimastiftung und EnergieSchweiz erreichten wir im Frühling 2020 einen weiteren Meilenstein auf unserer Coworking-Reise: my.VillageOffice war geboren. Mit dem interaktiven Online-Baukasten konnten wir lokale Gemeinschaften noch besser beim Aufbau und Betrieb eines Coworking Spaces unterstützen. Wir hatten nun eine Schärfung erreicht und unsere Auftragsbücher waren gut gefüllt. Wir stellten neue Coaches ein, um die Aufbau-Leistungen in den Gemeinden und Regionen zu erbringen – gemeinsam mit den lokalen Gemeinschaften. Und dann kam Corona.

Die Achterbahn nimmt fahrt auf

März 2020. Mit dem ersten Lockdown lagen die Aktivitäten von VillageOffice auf Eis, unser Einkommen war von einem Schlag auf den anderen auf Null. Nach dem ersten Schockmoment richteten wir den Blick auf die Chancen der Post-Corona Welt. Corona hatte bewirkt, was wir mit unserer Coworking Experience erreichen wollten: Zeigen, dass Arbeit auch ausserhalb des Büros funktioniert.

Wir schufen intern einen Solidaritätsfonds, um unsere Liquidität zu schonen und nahmen langsam wieder Fahrt auf. Im Sommer 2020 konnten wir eine Partnerschaft mit SBB Immobilien unterzeichnen, um Regionalbahnhöfe als VillageOffices zu nutzen. Die Stiftung Mercator hatte zugesagt für die Ausarbeitung des dazu notwendigen dezentralen Betriebsmodells als «Social Franchise». Die Stimmung im Team war gut, wir hatten ein funktionierendes Produkt und konnten nun endlich wieder an Projekten arbeiten.

Die im Sommer 2020 durch Mercator zugesprochene Finanzierung war allerdings für das Social Franchise zweckgebunden. Unsere Finanzplanung zeigte klar, dass wir zusätzliche finanzielle Mittel benötigten, um den laufenden Betrieb zu decken, in unser Team zu investieren und die Angebotsseite mit Unternehmenskunden wieder zu aktivieren. Klar wurde auch in diesem Prozess: Wir mussten einen neuen Weg der Finanzierung beschreiten und einen Partner finden, der alle drei Ebenen der Nachhaltigkeit (wirtschaftlich, ökologisch, sozial) gleichwertig behandelt. Das Netzwerk SENS unterstützte uns dabei. Es stellte sich allerdings schnell heraus: VillageOffice war an einem unangenehmen Reifegrad angelangt. Wir waren kein junges Startup mehr, das Fördergelder bekommt, aber auch noch nicht ein reifes Unternehmen, das eigene Mittel für die Weiterentwicklung nutzen kann.

Der nächste Lockdown im Winter 2020 und die anhaltende Home-Office-Pflicht bis Ende Mai 2021 ging an die Substanz. Es zehrte nicht nur an der Motivation des VillageOffice-Teams, sondern auch an den Finanzen. Viele im Team konnten sich aus finanziellen Gründen ein Engagement bei VillageOffice nicht mehr leisten. Trotz Unterstützung des Bundes, mehrerer Finanzierungsbemühungen und Kurzarbeit sank unser Kontostand. Es wurde klar: So konnte es nicht mehr weitergehen.

Die Umsetzung der SBB Partnerschaft erwies sich als schwierig. Die tatsächlich zur Diskussion stehenden, potenziellen Standorte waren entweder zu klein oder nicht verfügbar. Von den ursprünglich vorgesehenen 60-80 regionalen Standorte waren nur gerade ein Handvoll realistisch. Zum beidseitigen Bedauern mussten wir feststellen, dass die ursprüngliche Ambition nicht der operativen Realität entsprach.

In einem kollaborativen Prozess setzte sich ein Team aus VR- und Kernteam-Vertreter:innen von VillageOffice vertieft mit diesen strategischen Herausforderungen auseinander und erarbeitete einen neuen Ansatz, um den Purpose von VillageOffice vorwärts zu treiben.

Ein Purpose, drei neue Wege

Wir blicken nach vorn. Und machen weiter. Die neue Vorwärts-Strategie von VillageOffice wurde an der ausserordentlichen Generalversammlung vom 2. Dezember 2021 abgenommen und sieht folgendes vor: Die VillageOffice Genossenschaft wird liquidiert und stellt per 31.12.2021 ihren operativen Betrieb ein. Ihren Purpose wird VillageOffice ab Januar 2022 in drei neue Bereiche überführen:

  1. Open Content Kern: VillageOffice übergibt die Marke VillageOffice und das für künftige Coworking-Projekte nützliche Wissen an eine gemeinnützige Institution.
  2. Regionale Coworking-Projekte: VillageOffice übergibt ihre laufenden Coworking-Projekte in Regionen und Gemeinden an das neu gegründete CommunityOffice. Das CommunityOffice wird Roger Aeschbach leiten. Roger ist Regionalpartner bei VillageOffice, führt einen eigenen Coworking Space in Basel und ist Gründer und Inhaber seiner Firma element design gmbh. Gemeinsam mit einem Team von weiteren Regionalpartnern, Coaches und Coworking-Expert:innen wird er die Kontinuität in den laufenden Projekten sicherstellen.
  3. Coworking-Angebot für Unternehmen: Das Start-up (in Gründung) Flesk entwickelt eine neue digitale Coworking-Plattform für Unternehmen und Coworking Spaces. Das neue Start-up ist ein Joint Venture zwischen der Ubique Innovation AG und einem vierköpfigen Team von VillageOffice.

Es geht weiter. Aber anders.

Mit der Überführung in diese drei Bereiche wollen wir unsere Vision – ein flächendeckendes Coworking-Netzwerk in der Schweiz mit einem gesellschaftlichen und ökologischen Nutzen – weiter vorantreiben. Die Reise von VillageOffice als Genossenschaft geht zu Ende. Gleichzeitig öffnet sich ein neues Kapitel für ortsunabhängiges, dezentrales Arbeiten in der Schweiz. Der Purpose von VillageOffice wird sich ab Januar 2022 weiter entfalten. VillageOffice wird damit einen wirksamen Beitrag an die Zukunft leisten und die Entwicklung von regionalem Coworking in der Schweiz weiter vorantreiben.

Blick nach vorne – DeepDive «Von 0 auf 100» Migros Pionierfonds

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