Gast-Blogbeitrag: "Die Fesseln der Arbeit sprengen" von Bruno Habegger

Gast-Blogbeitrag: "Die Fesseln der Arbeit sprengen" von Bruno Habegger

Die Schweiz im Jahre 2030. Die Welt hat eine Krise hinter sich. Wirtschaftlich. Sozial. Doch nun geht es wieder aufwärts. Der Motor der Schweiz brummt. Es sind viele kleine Unternehmen und Individualarbeiter, die ihn antreiben.

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Die Schweiz im Jahre 2030

Die Welt hat eine Krise hinter sich. Wirtschaftlich. Sozial. Doch nun geht es wieder aufwärts. Der Motor der Schweiz brummt. Es sind viele kleine Unternehmen und Individualarbeiter, die ihn antreiben.

In der neuen Arbeitswelt des dritten Jahrzehnts der 2000er-Jahre aufzuwachen heisst, die Nacht zum Arbeitstag zu machen. Und zu schlafen, wenn andere in Scharen sich Galeerensträflingen gleich aufmachen, angepeitscht von Arbeitsvertrag und bürosozialer Kontrolle, den Arbeitsplatz aufzusuchen. Monty Pythons  «Crimson Permanent Assurance» lässt grüssen.

In der neuen Arbeitswelt haben die Piraten der  VillageOffices alles verändert, sind neben den klassischen Unternehmen – sie wirken wie Fabrikrelikte aus der Urzeit der Industrialisierung – kleine, flexible Einheiten entstanden, die Wanderbienen im Stock der Marktwirtschaft.

Eine neue Wirtschaft entsteht

Arbeit als Datenpaket: Die Digitalisierung formt neue Unternehmen. Ob Fabriken oder Dienstleister: Digitale Prozesse und durchgehende Vernetzung aller Wertschöpfungsschritte fördern die Company 4.0. oder Arbeit 4.0, vom Mitarbeitenden her betrachtet. Solche Unternehmen bestehen aus beweglichen Funktionseinheiten, körperlich und geistig beweglich. Agil eben: Projektteams bilden sich aus internen und externen Spezialisten – weltweit verteilt auf Knopfdruck zusammengeführt. Die Mitarbeitenden sitzen nicht mehr in zentralen Grossraumbüros, sondern in lokalen Büros, in denen verschiedene Funktionen eines Unternehmens oder dessen ganze Wertschöpfungskette über die Firmengrenzen hinaus zusammengefasst ist: ein besseres Home Office, eine smartere Filiale. Ein klügerer Zweitstandort. Firmengründer, Unternehmen und Projektmanager haben künftig mehr Freiheiten und mehr Flexibilität in der Ausgestaltung und Anpassung ihrer Arbeits-, Kommunikations- und Businessmodelle.

Die Firma als Cloudservice

Funktionen auf Knopfdruck aus der Work-Smart-Wolke. Umgekehrt arbeiten Fachleute für mehrere Projekte und Firmen gleichzeitig, setzen ihr Einkommen aus einem Projektstream zusammen, anstatt es aus einem Präsenzloch zu ziehen. Ich arbeite, weil ich denke. Nicht weil ich da bin.

Werbekampagne aus der Wolke

Max Schweizer startet sein Projekt. Am Tisch des Restaurants, das dem VillageOffice angegliedert ist. Den Kaffee vor sich, die Börsenkurse auf dem Flatscreen hinter sich. Er braucht für seine neue Multichannel-Kampagne mehrere Spezialisten: einen PR-Experten, einen Werbetexter, einen Fotografen und einen Art Director.

Max Schweizer ist verantwortlich für alle Unternehmensinhalte und hat den «Bauplan» einer neuen Kampagne im Kopf. Er schaut sich die Profile und Referenzen seiner virtuellen Mitarbeiter genau an. Nun klickt er sich sein Projektteam zusammen: den PR-Experten in der Filiale in Zürich, den Werbetexter aus Berlin, den Fotografen aus Moskau und den Art Director aus New York.

Nach der ersten Kickoffsitzung im Skype-Business-Raum erstellt er eine Projektwebsite mit den Tasks für die Teammitglieder und den klar formulierten Zielen.
Später wird er per Drohne und 4K Livestream am Shooting in der Karibik dabeisein und dem Fotografen Anweisungen erteilen. Und sich dann einem ganz anderen Projekt widmen, das sein Kollege in Berlin leitet. Ziel und Kompetenz sind wichtiger als die Hierarchie. In der neuen Arbeitswelt gehen Organigramme in den gasförmigen Zustand der Innovation über. Was wie ein Hirngespinst klingt, ist heute bereits in einigen Bereichen Wirklichkeit. Beratungsteams arbeiten ebenso unabhängig von Zeit und Ort wie Softwareentwickler, die sich nur vom Bildschirm her kennen – aber gemeinsam an einem grossartigen Produkt arbeiten.

Die Wirkungen in der Zukunft

So wie es heute noch analoge Schallplatten gibt: Die Digitalisierung eröffnet Unternehmen mehr Optionen, wird aber die klassische Büroarbeit nicht vollständig ersetzen. Die Folgen für Wirtschaft und Gesellschaft sind dennoch umwälzend. Neben neuen Mikro- und Makrounternehmen, die ihre Prozesse projektorientiert unabhängig von der Payroll zusammensetzen, sind folgende Veränderungen durch Arbeit 4.0 vorstellbar:

Stärkere Quartiere und Dörfer: Zunehmende Energieautarkie und lokale Energiehubs fördern dezentrale Strukturen, stärken die Bedeutung von Quartieren für Leben und Arbeiten. Sie sind nicht länger nur Schlafgelegenheiten. Sondern hier pulsierts, hier passierts. Vom Sog dieser Entwicklung profitieren Kleinunternehmen, flexible Händler, aber auch E-Commerce- und Logistikdienstleister.

Stärkere Familien: Neue Arbeitsgelegenheiten in der Nähe des Wohnorts erlauben es Familien, sich auch tagsüber zu sehen. Das stärkt die innere Bindung. Das stärkere Gemeinschaftsgefühl senkt das Scheidungsrisiko.

Stärkere Gemeinden: Gerade kleinere Gemeinden können ihrem Status als «Schlafgemeinde» und dem eigenen Fall in den Tiefschlaf entgegenwirken. Sie werden attraktiver für Steuerzahler und werten ihr Standortmarketing auf.

Stärkere Produkte: Unternehmen können ihr eigenes R&D massiv mit «zugeschalteten» Smart Workern verbessern. Diese bieten ihre Fähigkeiten auf einem Marktplatz an und stossen für das Projekt via VillageOffices dazu. Unternehmen müssen sich nicht mehr auf ihre hausinternen Leute oder teure Supplier verlassen. Sie behalten den Innovationsprozess und die Kosten unter vollständiger Kontrolle.

Stärkere Start-ups: Wer eine Idee hat, braucht heute ziemlich viel Geld, um seine Vision Wirklichkeit werden zu lassen. Die Kosten sinken, wenn die Spezialisten auf Knopfdruck zur Verfügung stehen, ob virtuell oder greifbar in einem VillageOffice. Dank der Weisheit der Wissensnomaden ist die Chance, aus einer Idee eine Innovation zu machen, grösser denn je.

Stärkere Altersvorsorge: Mit 65 den Stift abgeben – bei einem voll ausgebauten VillageOffice-Netzwerk so sinnvoll wie die Umkehr des Marathonläufers kurz vor der Ziellinie. Fachleute bleiben bis ins hohe Alter aktiv und wählen sich ihr Pensum und ihre Teams selbst aus, identifizieren sich mit dem Projekt. Nicht mit dem Brand dahinter.

Wahlfreiheit

Die neue Arbeitswelt bringt unter dem Strich mehr Freiheiten mit sich für alle Akteure, mehr Wettbewerb der Fähigkeiten und Ideen, mehr Individualität statt arbeitsteiliges, überblicksloses Abarbeiten von Prozessschritten. Natürlich führen Umwälzungen auch stets zu negativ empfundenen Aspekten. So löst sich etwa der starre Arbeitsplan der Woche auf, führt die gewonnene Produktivität unter dem Strich zu einer geringeren Wochenarbeitszeit. Moment. Wochenarbeitszeit? In der neuen Arbeitswelt ein Unding, denn die Company 4.0 verlangt von Managern mehr als das Führen by Stempelkarte, nämlich das Setzen und Überwachen von Zielen, die Förderung der Innovationskultur und das Coaching der Mitarbeitenden im Projekt.

Knackscharfe Prozesse, pure Kommunikationsflüsse per Netzwerk oder menschliche Kommunikation von Angesicht zu Angesicht: Max Schweizer wird künftig die Wahl haben, wie er arbeitet. Mit Festangestellten an einem physischen Ort, nur teilweise ergänzt mit smarten Workern oder vollumfänglich mit smarten Teammitgliedern: In der neuen Arbeitswelt bleibt niemand mehr allein im Home Office sitzen.

Der Autor

Bruno Habegger war fast zwanzig Jahre freischaffend tätig. Im Home Office, für Tageszeitungen, Zeitschriften, ICT-Fachzeitschriften und seit Mitte der 90er Jahre für digitale Medien. Seit 2003 ist er auf Agenturseite, heute als Content Specialist für Infel. Er ist fasziniert von den Umwälzungen der Digitalisierung, neuen Arbeits- und Lebensformen sowie Geschäftsmodellen. Er betreibt privat einen Blog über Content Marketing.

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