HSG-Studie

So werden traditionelle Arbeitnehmende zu «Coworkern»

Coworking stellt für Unternehmen einen Paradigmenwechsel dar. Dieser Wandel verlangt von Unternehmen Begleitmassnahmen. Dies ist eine der Ergebnisse der neuen Studie, die das Institut für Wirtschaftsinformatik und das Forschungsinstitut für Arbeit und Arbeitswelten der Universität St. Gallen im Auftrag von VillageOffice durchgeführt haben.

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Vorerfahrung mit flexiblen Arbeitsformen ist nicht notwendig. Aber der Wechsel von einer traditionellen Arbeitsweise zu dezentralem Coworking braucht Begleitung in einem Unternehmen. Dies sind zwei der wesentlichen Erkenntnisse der aktuellen Studie «Coworking aus Unternehmenssicht II: Out of Office – into the Flow?». Die Mitarbeitenden von fünf Unternehmen sammelten während eines Jahres Erfahrungen mit Coworking. Dabei nutzten sie einen Coworking Space möglichst nahe zu ihrem Wohnort. Das Institut für Wirtschaftsinformatik und das Forschungsinstitut für Arbeit und Arbeitswelten haben im Auftrag von VillageOffice ihre Erfahrungen ausgewertet. Sie haben untersucht, wie Arbeitnehmende in traditionellem Angestelltenverhältnis mit Coworking umgehen und welche Themen es dabei besonders zu beachten gilt.

Viele Teilnehmende sahen in Coworking die Möglichkeit, sich für konzentriertes Arbeiten zurückzuziehen und gleichzeitig unnötiges Pendeln zu vermeiden ohne dass sie dafür das Arbeits- und Privatleben vermischen mussten

Barbara Josef

Co-Autorin

Reduktion der Pendlerwege

Als grössten Nutzen nannten die Studienteilnehmenden die Reduktion der Pendlerwege. Grund für diese Einschätzung ist, dass die Mehrheit der Studienteilnehmenden mehr als 60 Minuten für ihren Arbeitsweg benötigen. Insbesondere Arbeitnehmende mit Familien erkannten auch einen Vorteil in einer besseren Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben. Zudem nannten sie als weiteren Vorteil die Trennung von Privatleben und Arbeit. «Ein spannender Aspekt ist zudem, dass Teilnehmende immer wieder das Thema Konzentration und Rückzug nennen», so Barbara Josef. Die Co-Autorin erklärt: «Viele Teilnehmende sahen in Coworking die Möglichkeit, sich für konzentriertes Arbeiten zurückzuziehen und gleichzeitig unnötiges Pendeln zu vermeiden ohne dass sie dafür das Arbeits- und Privatleben vermischen mussten, wie dies beim Homeoffice der Fall ist.»

Ein Angebot in der Wohngemeinde ist entscheidend

Mitarbeitende, die oft geschäftlich unterwegs sind, nutzen dagegen das Angebot von Coworking wenig. Sie verbringen die verbleibende Zeit bevorzugt im Büro. Für sie ist es wichtig, sich in dieser Zeit mit Arbeitskolleginnen und -kollegen austauschen zu können. Ebenso nennen Studienteilnehmende, die das Angebot wenig nutzten, die eigene Bequemlichkeit als Grund: Der Aufwand, sich im Coworking Space einzurichten, schien ihnen zu gross. Dies trifft vor allem auf Arbeitnehmende zu, die entweder keinen Space in der Wohngemeinde haben, gerne im Homeoffice arbeiten oder auch beim Pendeln im Zug arbeiten können.

«Insgesamt zeigt sich, dass der individuell wahrgenommene Nutzen von Coworking je nach Lebenssituation, Arbeitsstil und eigenen Bedürfnissen stark variiert», erklärt Remo Rusca von VillageOffice eine der Erkenntnisse. «Und dass es entscheidend ist, dass das Angebot in der Wohngemeinde besteht.» Ausserdem hat Coworking gegenüber Homeoffice einen grossen Vorteil: Die Akzeptanz ist höher, da Mitarbeitende Coworking als eine Investition in ihr Wohlbefinden deuten.

Es ist entscheidend ist, dass das Angebot in der Wohngemeinde besteht.

Remo Rusca

Partner VillageOffice

Vorerfahrung nicht notwendig

Damit Coworking genutzt wird, braucht es keine Vorerfahrung mit flexiblen Arbeitsformen. Allerdings sollte der Wechsel von einer traditionellen Arbeitsweise auf Coworking begleitet werden. Die Co-Autorin Barbara Josef sagt: «Unsere Studie hat gezeigt, dass die Einführung von Coworking nur dann Sinn macht, wenn Unternehmen auch bereit sind, die bestehende Kultur der Zusammenarbeit neu zu verhandeln. Beispielsweise macht es wenig Sinn, wenn für den Umgang mit mobilem Arbeiten bzw. Homeoffice und Coworking unterschiedliche Regeln bestehen.» Remo Rusca fügt an: «Coworking unterstützt eine Kulturveränderung hin zu mehr Agilität in der Digitalisierung. Sie kann dazu beitragen, dass die Mitarbeitenden ihre Arbeitszeit effizienter nutzen und trotzdem nicht ausbrennen, weil sie eine höhere Lebensqualität haben.»

Die Studie

Das Institut für Wirtschaftsinformatik und das Forschungsinstitut für Arbeit und Arbeitswelten haben im Auftrag von VillageOffice die Folgen und Wirkung von Coworking auf Unternehmen und Mitarbeitende untersucht. In der Studie «Coworking aus Unternehmenssicht II: Out of Office – into the Flow?» haben sie fünf Unternehmen begleitet, die im Rahmen der Coworking Experience Erfahrungen mit Coworking sammelten. Die 20 Coworker von Lista Office, Repower, Tetra Pak, BIT und HHM, die völlig frei waren in der Wahl des Arbeitsortes (Büro, Homeoffice, Coworking, mobiles Arbeiten) haben während des Jahres insgesamt 501 Besuche in Coworking Spaces absolviert. Im Schnitt hat eine Person 25 Mal einen Coworking Space besucht. Der Median von 6 Besuchen pro Person zeigt jedoch eine ungleiche Verteilung. Die Erkenntnisse beruhen auf der qualitativen Auswertung von Interviews mit den Studienteilnehmern sowie der Erfassung der Besuchszahlen in den Coworking Spaces.

Artikel der HSG

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Remo Rusca

Remo Rusca

Projektleiter

Über VillageOffice

Die 2016 gegründete VillageOffice Genossenschaft fördert neue Arbeitsformen und den Aufbau eines schweizweiten Netzwerks an VillageOffice Partner Spaces. Dies sind Coworking Spaces, eingebettet in lokale Dienstleister. Engagement Migros, EnergieSchweiz, der Verein Innovationsfonds der Alternativen Bank Schweiz, Amstein + Walthert sowie das Family Office Lienhard (Lista Office LO) unterstützen VillageOffice neben rund 140 individuellen Genossenschaftern.

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